Die Dorfmusikanten

Tanzmusik machen aus Spaß an der Freud
Groß ist die Spannung bei den Kindern. Sie haben auf der hohen Mehlkiste und auf der Sackablage der Kornmühle einen guten Platz gefunden. Von hier oben haben sie eine bessere Sicht und warten darauf, dass die „Musik bald anfängt“. Heute ist Verlobungsfeier und dazu wird auf der Bauerndiele getanzt. Die drei Musikanten haben sich am oberen Ende der Diele aufgebaut. Das Verlobungspaar, die Angehörigen, dazu die gesamte Nachbarschaft schwingen bald auf dem steinernen Dielenboden ihr Tanzbein. Die Kinder lassen sich von den Musikern in den Bann ziehen. Besonders der Schlagzeuger mit seinem aktiven Körpereinsatz hat es ihnen angetan. Auf der weiß gekälkten Diele weicht der Duft der frischen Birken bald dem Dunst von Zigaretten, die sich die jungen Männer aus den Sechser-Päckchen gegenseitig anbieten. Zur Erfrischung zwischendurch lädt der als Theke umfunktionierte Küchentisch ein. Dicke Bohlen auf vierbeinigen Böcken umsäumen die Tanzfläche und laden als Sitzgelegenheit zu unterhaltsamen Schwätzchen in den Tanzpausen ein. Zwischendurch werden Sodaflocken auf den stumpfen Dielenboden gestreut. Das schont müde gewordene Beine. Ein vergnügter Tanzabend nimmt seinen Lauf. Die Kinder derweil leeren ihr letztes Glas mit dem prickelnden rötlichen Erfrischungsgetränk namens Regina und verschwinden in ihren Betten. Und wenn dann zu vorgeschrittener Stunde der Gerstensaft ausgeht, macht ein Spendenhut die Runde. Davon soll der Gastgeber ein neues Fass Bier besorgen. So steht einem weiterhin fröhlichen Verlobungsabend nichts entgegen. Dies ist ein Blick zurück in die fünfziger Jahre, als Bernhard Ostholthoff am Schlagzeug, Josef Tebbe mit dem Akkordeon und Ludwig Straten mit der Trompete für gute Tanzmusik in Halverde sorgten. Die drei hatten sich Anfang der 50er Jahre zusammengefunden, um als Musikkapelle zunächst in Halverde und später auch in den Nachbarorten Musik auf öffentlichen und privaten Feiern zu machen.

Auf dem Foto etwa aus dem Jahre 1925 präsentiert Heuermann Franz Runge seine Handharmonika. Foto von Franz Runge, Recke

Musik in den Kriegsjahren
Aber schon immer hat es in Halverde Männer gegeben, die auf einer Harmonika spielen konnten. Nach dem ersten Weltkrieg bis hin zum Ende des zweiten Weltkrieges waren dies u. a. Karl Schnittker, Josef Büscher vom Langenacker, Alois Lohmeyer, Heinrich Krümpelmann und Franz Runge. Diese „handgemachte Musik“ war in dem landwirtschaftlich geprägten Halverde nicht wegzudenken. Musik und Tanz ließen die körperlich schwere Arbeit in der Landwirtschaft und die politik- und kriegsbedingten Sorgen vergessen. Bei zufälligen abendlichen Treffen junger Leute in den Bauernschaften fand sich nicht selten jemand, der auf einem alten Bandoneon die nötigen Töne hervorbringen konnte. Die damaligen Musiker verstanden sich nicht als Entertainer, um proaktiv eine Gesellschaft zu unterhalten. Sie unterstützten und begleiteten vielmehr mit ihrem Instrument gemeinsames Singen von Trink-, Heimat- und Volksliedern. War denn die Stimmung so gut, weil Takt und Töne bald in die Beine gingen, wurde auch bald getanzt. Zwar Autodidakt, aber Könner seines Faches, war zur damaligen Zeit der im Jahre 1900 geborene Franz Runge vom Langenacker. Schon 1925 zeigte er sich auf einem Foto mit seiner Handharmonika. Er war Zeit seines Lebens mit seinem Instrument der Musikus für alle Fälle. Auf privaten und öffentlichen Feiern war er unverzichtbarer Bestandteil des bäuerlichen Amüsements. Hauptantriebsfeder war seine pure Lust, andere Menschen mit seiner Musik zu erfreuen. Das „Musikmachen“ hatte er sich selbst angeeignet. Er spielte ohne Noten. Zwar verlangte er kein Geld, aber dem Heuermann wurde doch sicherlich hier und da ein Obolus zugesteckt. War das Fest erst spät in der Nacht oder gar am frühen Morgen zu Ende, wartete noch ein kilometerlanger Heimweg auf ihn. Mit dem Musikinstrument auf dem Rücken machte er sich dann zu Fuß auf den Weg nach Hause. Wenn es vor dem Kriege und in der unmittelbaren Nachkriegszeit private Feste zu feiern galt, waren dies hauptsächlich Verlobungs- und Hochzeitsfeiern. Im Gegensatz zu öffentlichen Tanzveranstaltungen, hatte es in Halverde auch während des Krieges Privatfeiern gegeben. Öffentliche Feiern waren ab 1943 vom Naziregime verboten worden. Ab Mitte der fünfziger Jahre zog sich Franz Runge schrittweise von seinen musikalischen Aktivitäten zurück.

Die „kleine Besetzung“ mit Ludwig Straten am Schlagzeug und Josef Tebbe mit dem Akkordeon. Das Fotos entstand etwa 1951. Privat von Bernhard Ostholthoff

 

Das Trio Ostholthoff/Straten/Tebbe.
Die bi
tteren Kriegsjahre hatten jegliche musikalische Unterhaltung zum Erliegen gebracht. So ist es nur allzu erklärlich, dass sich schon bald nach den Kriegswirren ein Nachholbedarf nach unbeschwerter Geselligkeit offenbarte. Die jungen Leute wollten tanzen und sich vergnügen. Nun zeigte sich bald, dass ein Musiker allein, so wie es in den Vorkriegsjahren üblich gewesen war, den inzwischen wachsenden Ansprüchen der jungen tanzhungrigen Leute nicht mehr gewachsen war. Drei musikinteressierte junge Männer, Bernhard Ostholthoff, Josef Tebbe und Ludwig Straten, schlossen sich bald zusammen und bildeten eine Musikkapelle. Sie konnten sich dabei nicht an Vorgängern orientieren, weil es in Halverde bis dato keine Tanzkapelle gab. Als ein Schlagzeug, ein Akkordeon und eine Trompete zur Verfügung waren, galt es, auf den ersten Auftritt hinzuarbeiten. Das gemeinsame Proben fand reihum in den Elternhäusern statt. Nach Feierabend blieb zwar nicht viel Zeit (die Wochenarbeitszeit betrug 1950 noch 48 Stunden), aber geübt wurde trotzdem. Auch war von Zeit zu Zeit nach dem sonntäglichen Hochamt gemeinsames Proben angesagt.

Volksmusik und Nachkriegsschlager
Erste Auftritte dieses musikalischen Trios, natürlich ohne Verstärker und Lautsprecher, erfolgten im Jahr 1950. Zunächst spielten Josef Tebbe mit dem Akkordeon und Ludwig Straten auf dem Schlagzeug. Als Ludwig Straten für ein Jahr nach Kanada ging, übernahm Bernhard Ostholthoff sein Schlagzeug. Nach der Rückkehr aus Kanada traten die drei fortan gemeinsam auf. Recht bald nach den ersten Kriegsjahren bestätigte sich die Hoffnung der Menschen auf eine friedliche Zukunft. Sie schöpften wieder Vertrauen in die Politik. Die jungen Leute von Halverde organisierten sich hauptsächlich in kirchlichen Gruppierungen wie Kolping, Landjugend, CAJ, im Schützenverein und in der Feuerwehr. Bei deren Zusammenkünften und besonders bei den Jahresfesten durfte dann auch die musikalische Unterhaltung oder das Tanzen nicht fehlen. Augenfällig war die große Vorliebe der älteren Generation für die Volksmusik. Es lag auf der Hand, dass die Drei diese Musikstücke zügig in ihr Repertoire aufnahmen. Gegen Ende der 50er Jahre verdrängten Schlager und neuzeitliche Tanzmusik mehr und mehr die Nachkriegsschlager. Dies war dem Zeitgeist geschuldet. Zum althergebrachten Liedgut mit seinen dominierenden Bläseranteilen wurde mit Vorliebe nach der Musik von Rudi Schuricke (Capri Fischer) und Manuela (Schuld war nur der Bossa Nova), Conny Froboess (Pack` die Badehose ein) und zahlreichen anderen Interpreten getanzt. Die zwar auch neuen, aber doch allzu fremden und von einigen als „Negermusik“ verfemten Klänge aus den USA waren in Halverde derzeit noch nicht gefragt. In den 60er Jahren war es für Tanzmusiker unabdingbar, sich an den Hitlisten der Rundfunkstationen zu orientieren, weil die Ranglisten der Schlagerparaden den Geist der neuen Zeit spiegelten. Dies erforderte eine ständige Aktualisierung und somit eine Erweiterung des Tanzmusikrepertoires von Oldie bis Pop. Ein Tanzabend ohne Twist und Rock and Roll war nicht denkbar. Die Entlohnung z. B. bei einer Hochzeit mit Polterabend lag bei 25 DM pro Musiker.
Wie groß die Lust auf Feiern und Tanzen war, demonstrierten vor der Währungsreform junge Leute vom Osterbauer. Sie organisierten eigenständig ein Fest auf der Wiese gegenüber der Schmiede Hermes, weil ein Schützenfest nicht zustande kam. Die Halverder Wirte hatten sich geweigert, die Bewirtung zu übernehmen. Sie wollten wegen der galoppierenden Inflation kein wirtschaftliches Risiko eingehen. Nach Einführung der neuen Deutschen Mark, die die alte inflationäre Reichsmark-Währung ablöste, fanden dann ab 1950 auch wieder Schützenfeste statt.

Ludwig Straten, Bernhard Ostholthoff und Josef Tebbe sorgten in den 60er Jahren immer für gute Stimmung. Foto privat Bernhard Ostholthoff

Öffentliche Feiern mit Tanzmusik
Während der Advents- und der Fastenzeit (die sog. geschlossene Zeit) waren bis in die späten 60er Jahre in dem katholischen Halverde öffentliche Tanzveranstaltungen untersagt. Ansonsten waren das Schützenfest, die Kirmes und das Feuerwehrfest die Höhepunkte im dörflichen Veranstaltungsreigen. Im Winter wurde das Feuerwehrfest nach vorheriger nachmittäglicher Verlosung gefeiert. Die jährlichen Theateraufführungen von Kolping und Landjugend schlossen nach der letzten Aufführung mit einem öffentlichen Tanz auf der Diele der Gaststätte Tebbe. Dazu war in der Regel eine Drei-Mann-Kapelle verpflichtet worden, die nicht selten bis in den Morgen zum Schieber, Walzer, Rheinländer und Foxtrott aufspielte.

Verlobungsfeiern
Mit ihrer Verlobung gaben sich früher junge Leute das Versprechen, sich zu heiraten. Nach dem Verlobungsfest begannen dann die Vorbereitungen zur Hochzeit. Diese wurde traditionellerweise innerhalb des Folgejahres gefeiert. Das Verlobungsfest wurde in der Regel in den Sommermonaten auf dem Hof der Braut gefeiert. Die an die Diele angrenzenden Viehställe waren dann durchweg leer, weil Kühe, Jungvieh und Kälber auf der Weide waren. So konnte die Diele ohne „tierische Zaungäste“ als Tanzfläche genutzt werden. Die Tenne war hauptsächlich mit Birkenbüschen ausgeschlagen. Wenn im Laufe des Abends die Pferde hinter den Raufen zu sehen waren, oder eine Henne auf dem „Wiem“ aufgeregt gackerte, tat das der Stimmung auf der kuscheligen Diele keinen Abbruch. Heute ist es nicht mehr üblich, ein aufwändiges Fest mit abendlichem Tanz zu feiern.

 

Hochzeitsfeiern
Die Hochzeiten fanden damals hauptsächlich am Dienstag oder Mittwoch statt. Das war teilweise in den überlieferten Hochzeitsritualen begründet. Das eigentliche Fest begann mit dem „Hönerohmd“ am Vorsonntag. Getanzt wurde auf der Diele. Am zweiten Hochzeitstag endete das Fest mit dem „Hahnhaalen“. Am Hochzeitstag selbst ging es nach dem Brauthochamt um 09.00 Uhr zunächst zum Frühstück in die Gaststätte. Danach machte sich die Gesellschaft zu Fuß auf den Weg zum Hochzeitshaus. Vorneweg gingen die Musiker, dann kam der Hochzeitsbitter gefolgt vom Brautpaar, dieses oft auch in der Kutsche. Am Schluss folgten die geladenen Gäste. Auf dem Hof wartete die angeheuerte Köchin mit der Schar der Frauen aus der Nachbarschaft mit einem deftigen Festmahl. Bis zum Abend hin spielten die Musiker schon das eine oder andere Stück. Nach dem Abendessen wurden Tische und Bänke zur Seite gestellt. Die Musikkapelle spielte bald zum Eröffnungstanz durch das Brautpaar auf. Gegen 23.00 Uhr wurde der Brauttanz, heute Schleiertanz, begonnen. Jeder Tänzer und jede Tänzerin, die mit dem Brautpaar tanzen wollten, mussten einen Obolus in den Schleier werfen. Dieser wurde von den Trauzeugen über dem Brautpaar aufgespannt. Die Musiker übernahmen die Rolle eines Spielleiters. Mit Tanzspielen und gemeinsam gesungenen Volksliedern führte die Kapelle durch den Abend.

Den Heimweg bestritten die Musiker mit ihren Fahrrädern samt aufgeschnürter Instrumente. Die große Pauke mit einem Durchmesser von 70 cm spannte sich Bernhard Ostholthoff auf den Rücken. Das sonstige Schlagzeugzubehör fand Platz auf dem Gepäckträger. Josef Tebbe schnallte sein Akkordeon Tango IV M ebenfalls in einer Tragevorrichtung auf den Rücken. Die Trompete stellte Ludwig Straten vor keine besonderen Transportprobleme.
Als dann alle drei in den 60er Jahren Familien gründeten und zeitgleich auch größere Investitionen für die technische Aufrüstung der gesamten Anlage unabdingbar waren, war das Ende absehbar.

Ein Foto gibt Rästsel auf
In diesem Zusammenhang ist ein Foto aus den 1939er oder 40er irritierend. Darauf abgebildet ist eine 14-köpfige Gruppe, die auf einer Kutsche in Positur gegangen ist. Auf dem Kutschbock sitzen zwei Männer und in ihrer Mitte eine Frau. Dahinter, offensichtlich stehend auf den Sitzen, drei Musikanten. Da ist zunächst der Schlagzeuger hinter der großen Trommel mit der auffälligen Randbeschriftung: Origanal JaZtband Halverde. Die Mitte ist ausgefüllt mit einem runden Fotos, wahrscheinlich ist es eine Landschaftsdarstellung. Daneben steht Josef Büscher (kleine Büscher) mit einem Akkordeon. Leicht abgesetzt ein Mann, der ein Blechblasinstrument in der Hand hält. Weder die einzelnen Namen der Abgebildeten, noch der Anlass zu diesem Gruppenbild sind bekannt. Verwunderlich ist die Bezeichnung JaZtband. Zu Beginn der 30er Jahre hatte der Jazz seine erste Blüte. Dann kamen die Nazis. Schon im September 1930 verfügte ein NSDAP-Innenminister den Erlass: Wider die Negerkultur für deutsches Volkstum. Die Angst vor Exil und KZ brachte das Aus. Nach dem Krieg tauchten die Jazzmusiker wieder auf. Das lässt zwei Deutungen zu. Wenn es in der Nazi-Zeit entstanden ist, belegt es den Mut der Gruppe sich gegen politische Vorgaben zu stellen. Die falsche Schreibweise kann daher auch bewusst gewählt worden sein. Sollte es nach 1945 entstanden sein, so können die Wörter Organal und JaZtband versehentlich falsch geschrieben sein.

 

Unbekanntes Foto aus den 40er oder 50er Jahren. Bis auf den Schlagzeuger Josef Büscher (kleine Büscher) sind die Mitglieder dieser musizierenden Gesellschaft nicht bekannt. Foto privat Margret Heeke, Halverde
Josef Tebbe als musikalische Begleitung eines Festes des Halverder Jungvolkes in den 50er Jahren

 

 

 

 

 

 

 

 

Autor Josef Brinker widmet sich mit Vorliebe der Geschichte des bäuerlichen Lebens in seinem Heimatdorf Halverde.
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