Das Schwesternhaus

Die  Thuiner Franziskanerinnen für Halverde und Schale im St. Josefshaus

Es ist schon erstaunlich, was die alten Unterlagen aus dem 19. Jahrhundert über die allgemeine Wohlfahrtpflege in der bäuerlichen Gesellschaft belegen. Auch in Halverde, damals noch Tochtergemeinde von Recke, war die Armen- und Wohlfahrtpflege gut organisiert. Träger dieser Hilfseinrichtung waren die katholische und die evangelische Kirche. Bei den damaligen recht kargen Lebensbedingungen konnten Krankheiten oder Missernten die Menschen schnell in lebensbedrohliche Situationen bringen. In einem solchen Fall half man mit einer Wohnung oder aus einem Unterstützungsfonds heraus. In der später selbstständigen Kirchengemeinde Halverde war es der Pfarrer Bernhard Heinrich Busch (von 1800 bis 1828), der den sozialen Gedanken fortentwickelte. Es kam zum Bau eines Armenhauses. Hier konnten Arme, Obdachlose und alleinstehende Personen wohnen. Am Armenkamp, an der Straße nach Recke, wurde es gebaut. Im Laufe von Jahrzehnten nutzte man es offensichtlich bestimmungsgemäß für soziale Zwecke. Im Jahr 1906 erfolgte der Abriss des Hauses.1

Der Grundriss des Sockelgeschosses: Hier befand sich ein öffentlicher Naßzellenbereich für die Halverder Bevölkerung (Foto Gemeinde Hopsten)

Plan zum Bau eines Schwesternhauses
Dass der soziale Gedanke bei den Halverdern immanent war, mag man daran erkennen, dass sie im Jahr 1954 ein Schwesternhaus bauten. Es zogen Ordensschwestern ein und wirkten fortan in einer sogenannten „Sozialstation“ zum Wohle der Halverder. Bauherr war die katholische Kirchengemeinde. Das Haus war seiner Funktion entsprechend konzipiert. Im Dachgeschoss sollten die Ordensschwestern in einem eigenen Trakt wohnen. Ebenfalls auf dieser Ebene waren Zimmer für versorgungsbedürftige, ältere Menschen vorgesehen. Im Hauptgeschoss befanden sich eine kleine Kapelle und zwei große Veranstaltungsräume für die Jugend- und Erwachsenenbildung, sowie ein Zimmer für ärztliche Untersuchungen und ein Besucherzimmer. Im Sockelgeschoss stand für die Körperpflege eine kleine „Badeanlage mit 2 Wannen und 2 Brausebädern sowie 2 Toiletten“ für die Halverder Bürgerinnen und Bürger zur Verfügung. Freitags waren Badezeiten für Mädchen und Frauen und samstags für die männliche Bevölkerung eingerichtet. Dieser Bereich war über einen eigenem Zugang zu erreichen. Die Baukostenberechnung des Bauamtes Hopsten ergab bei 1805 cbm umbautem Raum mit einem cbm-Preis von 40 Deutsche Mark die Gesamtsumme von 72200 Deutsche Mark. Verantwortlich für den Bau war das Architektenbüro Köster und Balke aus Münster.
Für den Initiator, dem damaligen Pfarrer Heinrich Dreischulte, war dieses Projekt eine große Herausforderung. Zunächst galt es die skeptischen Halverder für diesen Gedanken zu gewinnen, um dann ein behördliches Genehmigungsverfahren in Gang zu setzen. Schließlich musste er für die Funktionsfähigkeit des Hauses noch Ordensschwestern gewinnen. Sie sollten von hier aus die sozialen und kirchlichen Dienste in Halverde übernehmen.

1953 wurde das Richtfest des Schwesternhauses gefeiert. Ein Jahr später zogen die ersten Ordensschwestern ein. (Foto Familie Ahrens, Halverde)

Viele Priester und Ordensschwestern aus Halverde
Heinrich Dreischulte war seit den letzten Kriegstagen des Jahres 1945 Pfarrer in Halverde. Teilweise die Kriegsfronten passierend war er am 11. April 1945 wohlbehalten angekommen und gleich am nächsten Tag feierlich mit einem Levitenamt eingeführt. Bis zum 25. Mai nahm er Quartier im Gasthof Tebbe, um dann ins Pfarrhaus einzuziehen.2 Konfrontiert mit den nachkriegsbedingten Hiobsbotschaften über Vermisste, in Gefangenschaft geratene oder für als gefallen erklärte Gemeindemitglieder, war sein Start oftmals von Trübsal, Trauer und Leid begleitet. Bedingt durch diese Anlässe lernte er bei den Hausbesuchen die Menschen in Halverde schnell kennen. Auch die Halverder bildeten sich bei den persönlichen Kontakten schnell ein Bild von ihrem neuen Pastor. Es mag seine Frömmigkeit, ober seine überzeugende aber auch strenge Glaubensvermittlung gewesen sein, dass sich speziell junge Leute für die kirchlichen Berufe interessierten. Im Laufe der Jahre seines Wirkens entschieden sich viele junge Halverder für den Priesterberuf oder traten als Ordensschwestern in verschiedene Klöster ein. In einer Auflistung der katholischen Kirchengemeinde aus dem Jahre 1992 werden insgesamt 21 Halverder Ordensleute und Geistliche vorgestellt. Wohlmeinende sehen in der hohen Anzahl von Priestern und Ordensschwestern ein Barometer der Gemeindegläubigkeit. Dies sollte sich später für Herrn Dreischulte als überzeugende Argumentationshilfe herausstellen.

Im Laufe der Jahre schien Pfarrer Dreischulte bei seiner Arbeit gespürt zu haben, dass das breite Spektrum einer umfassenden Seelsorge nicht mehr allein zu bewältigen sei. Er mag seiner Zeit voraus gewesen sein, als er erkannte, dass es eine soziale Anlaufstation mit kirchlichem Personal brauchte, um eine solch großflächige Kirchengemeinde wie Halverde, zusammen mit Schale, zu betreuen. Er sah darin drei Gründe. Da waren zunächst die in der Regel nicht krankenversicherten bäuerlichen Familien. Deren notwendigen, aber kostenpflichtigen Arztbesuche, unterblieben zu oft aus Geldmangel. Mit einem niederschwelligen Angebot, in Form einer ambulanten Krankenpflege durch eine Ordensschwester, wollte er diesem Missstand in der örtlichen Gesundheitsversorgung begegnen. Auch sah der das Erfordernis, für die Jugend- und Erwachsenenbildung notwendige Räumlichkeiten zu schaffen. Weiterhin brauchte er für den am 01. April 1954 ausscheidenden Küster und Organisten Johannes König personellen Ersatz. Eine Ordensschwester sollte den allgemeinen Kirchendienst übernehmen.

Der Stolz der Halverder Bevölkerung im Jahr 1954: Ihr Schwesternhaus ist fertig. (Foto Familie Richter, Halverde)

Erfolgreiche Gespräche mit der Generaloberin in Thuine
Für den rührigen Pastor Gründe genug zum Bau eines Schwesternhauses. Bis zur Realisation sollte es ein langer und mühsamer Weg werden. Dabei zeigte der Pfarrer, dass er nicht nur ein hervorragender Seelsorger, sondern auch ein geschickter Diplomat war. Es gelang ihm beim Bistum Münster, dass auf dem verminten Brachgrundstück im Schnittpunkt von Recker und Hopstener Straße ein Schwesternhaus gebaut wurde. Noch aber hatte er keine Zusage über die Entsendung von Ordensschwestern. Dazu nahm er Gespräche mit der Generaloberin im Kloster in Thuine auf. Diese gestalteten sich aber recht schwierig. Schließlich ging es um eine bistumsübergreifende Angelegenheit. Das war zum einen das hiesige Bistum Münster und zum anderen das Bistum Osnabrück, welches zuständig war für Thuine.
Herr Dreischulte hatte seine Bitte um Entsendung von Ordensschwestern aus Thuine auch damit begründete, dass aus Halverde überproportional viele Jungen und Mädchen den Ordens- oder Priesterberuf gewählt hätten. Auch der Orden in Thuine habe davon profitiert. Schließlich habe ihn die Generaloberin des Ordens mit dem dezenten Hinweis vertröstet, dass beim Eintritt mehrerer Mädchen in den Franziskaner Orden in Thuine, sein Antrag neu bewertet und ggf. neu gewichtet werden würde. So kam es dann. Nach dem Eintritt weiterer junger Frauen in den Franziskanerorden in Thuine, entschied sich die Leitung für die Entsendung von Ordensschwestern nach Halverde. Dank für das Entgegenkommen spiegelte sich in den Folgejahren. Immer wieder traten junge Frauen aus Halverde in den Thiuner Orden ein.
„Damit konnte ich mir im Nachhinein auch erklären“, so Schwester M. Damianis Ostholthoff3, „warum mich Pfarrer Dreischulte damals so zielgerichtet für den Eintritt in den Thuiner Orden gewinnen wollte. Eigentlich hatte ich vor, in einen Orden in Münster einzutreten“. Wenn man so will, gehört ihr Eintritt in den Franziskaner Orden in Thuine zum Dankeschön-Paket für die personelle Ausstattung des Schwesternhauses in Halverde.
Am 20. Januar 1954 zogen Schwester M. Raymunda, Schwester M. Blandina und Schwester M. Margarethe in ihr neues Zuhause ein. Fortan war das Schwesternhaus eine kleine Niederlassung des Ordens der Kongregation der Franziskanerinnen vom hl. Märtyrer Georg zu Thuine.

Schwester M. Margarethe unterwegs auf ihrem Fahrrad. So kannten sie die Halverder. (Foto Pfarrgemeinde St. Peter und Paul Halverde)

Breite Palette von Unterstützungs- und Hilfsangeboten durch die Schwestern
Sogleich machten sich die Schwestern arbeitsteilig an ihre Aufgaben. Da war die „Küchenschwester“, die für allgemeine Versorgung, wie Essen, Wohnen und Gebäudeunterhaltung zuständig war. Eine große Entlastung für den Pfarrer brachte die „Kirchenschwester“. Sie war tätig im Seelsorgeunterricht in der Schule, betreute die weibliche Pfarrjugend und besorgte den Sakristeidienst in der Kirche.
Diejenige, die im intensivsten Kontakt mit der Bevölkerung stand, war Schwester M. Margarethe. Sie war Krankenschwester und übernahm sogleich die Versorgung und Pflege von kranken und alten Menschen in Halverde, wie auch in Schale. Vielen bleibt sie in Erinnerung als immer erreichbare und allzeit helfende Schwester. Bei mittleren Wehwechen oder kleineren Blessuren hieß es dann schnell: „Wir gehen zum Schwesternhaus oder wir rufen Schwester M. Margarethe an“. War aber dennoch ein Arzt- oder Krankenhausbesuch vonnöten, leitete sie alles Notwendige dazu in die Wege. Bei der Sterbe- und Trauerbegleitung stand sie mit großer Selbstlosigkeit den Familien zur Seite. Als Fortbewegungsmittel diente ihr ihr überall erkanntes Fahrrad mit dem Alt-Holland-Lenker. Sie bleibt vielen Halverdern als mit fliegendem Habit dahin radelnder Engel in Erinnerung. Desweiteren waren in der kleinen Altenstation bis zu sechs ältere Bewohner zu versorgen und zu betreuen.

Die Seelsorgeschwester M. Raymunda gab für Jugendkreise und andere kirchlichen Gruppen Stunden der Besinnung und Seelsorge. Außerdem stießen ihre Unterweisungen in Hauswirtschaftskunde auf großes Interesse.
Im Winterhalbjahr kam jeweils eine vierte Schwester dazu. Sie bot in den eigens dafür ausgestatteten Räumen für die weibliche Jugend und für junge Frauen Nähkurse an. Starken Zulauf genossen in den fünfziger und sechziger Jahren auch sonntägliche Filmvorführungen im großen Veranstaltungsraum des Hauses. Es waren Märchen-, Tier- und Abenteuerfilme, die die Kinder und Jugendlichen aus dem kleinen Halverde mitnahmen auf eine spannende Reise in die weite Welt.
In der kleinen Kapelle wird bis zum heutigen Tage einmal wöchentlich eine Messe gefeiert.

Für die vielfältigen Arbeiten der Seelsorgeschwester wurde entsprechend der Ordensrichtlinien der Franziskanerinnen niemals Geld eingefordert. Die Halverder jedoch wussten ihre Wertschätzung für die Anwesenheit und die selbstlose Hilfsbereitschaft der Schwestern durch mannigfaltige Unterstützung auszudrücken. So war es selbstverständlich, dass die Schwestern umfänglich mit Naturalien versorgt wurden. Das geschah sowohl durch organisiertes Einsammeln von Grundnahrungsmitteln, wie Butter, Kartoffeln, Obst und Gemüse, wie auch durch individuelle Zuwendungen. So war es selbstverständlich, dass nach einer damals gebräuchlichen Hausschlachtung Fleisch und selbstgemachte Würste zum Schwesternhaus gebracht wurden. Nicht zu vergessen die unzähligen Arbeitseinsätze an Haus und Garten, die Nachbarn und freiwillige Helfer leisteten.
Die fünfziger und sechziger Jahren können als Blütezeit des Schwesternhauses gesehen werden.

Im Jahr 1969 wurde das Haus umgebaut und erweitert. (Foto Familie König Halverde)

Die Aufgaben in der mobilen Krankenpflege hatten ein solches Maß angenommen, dass 1964 ein PKW angeschafft werden musste. Auch auf dem Bausektor tat sich einiges. Im Laufe der Jahre entstand ein Nebengebäude mit einer in Halverde erstmaligen Leichenhalle. Auch ein stattlicher, freistehender Glockenturm gehörte inzwischen zum Ensemble.
Im Jahr 1969 erfolgten großzügige Umbau- und Erweiterungsmaßnahmen. Der hiesige Architekt Josef Ahrens hatte die Bauaufsicht. Zusammen mit dem zweigeschossigen Anbau bot das Haus nunmehr Platz für insgesamt 14 pflegebedürftige Menschen.

Kindergarten unter Leitung der Schwestern
Im Jahr 1970 kam eine bedeutende Säule der seelsorgerischen Tätigkeit dazu. Bedingt durch die veränderten Familienstrukturen, sowie auswärtige Arbeitsstellen und ungeregelte Arbeitszeiten, war der Bedarf auf einen Kindergarten entstanden. In dem neu eröffneten Kindergarten begrüssten Schwester M. Sigrada und Schwester M. Everilde beim Start die stattliche Zahl von 60 kleinen Gästen. Fortan führten die beiden Schwestern mit einigen Hilfskräften den Kindergarten.
Im Laufe der Jahre gab es einige Veränderungen in der personellen Besetzung des Schwesternhauses. Schwester M. Margarethe aber stand nie zur Disposition. Das war gut. Sie kannte nahezu alle Halverder und viele Schaler. Die Religionszugehörigkeit spielte bei ihr keine Rolle. Sie wusste wenn Jemand Hilfe oder Rat brauchte. Mit Hausbesuchen pflegte sie die sozialen Kontakte und gab menschlichen Zuspruch. Sie half bei persönlichen Problemen in der täglichen Lebensführung schnell und unkompliziert.
Spätestens mit Beginn der 80er Jahre, änderte sich für Schwester M. Margarethe die Situation um die häusliche Krankenpflege. Bei den Landwirten und ihren Familien waren inzwischen Krankenversicherungen selbstverständlich. Bei Krankheits- und Unglücksfällen waren die Kosten eines Arztbesuches oder Krankenhausaufenthaltes nunmehr abgedeckt. Eine helfende und pflegende Krankenschwester war nicht mehr so sehr gefragt. Daher wurde die Familienseelsorge Schwerpunkt der Tätigkeit von Schwester M. Margarethe. Sie leistete Besuchsdienste in den Familien und begleitete Sterbende in den letzten Stunden ihres Lebens.
In den letzten Jahren musste sie ein wenig kürzer treten. Für ihre unermüdliche Bereitschaft zur Hilfe und Pflege zur Tages- und Nachtzeit und der damit einhergehenden körperlichen Belastung, musste sie Tribut zollen.
Anfang der neunziger Jahre setzen Überlegungen über eine wirtschaftliche Optimierung ein. Dies mündete in eine Veränderung der Trägerschaft des Schwesternhauses. Die gravierende Folge war, dass am 31.07.1994 die Zeit der Ordensschwestern im St. Josefshaus endete. Unter großer Anteilnahme wurden sie mit einem Gottesdienst verabschiedet. Sie selbst fanden andernorts neue Aufgaben oder kamen in Schwesternwohnheime ihres Ordens.

Heute eine ortsnahe und individualisierte Versorgung im Alten- und Pflegeheim in Trägerschaft der St. Dionysius-Gemeinde Recke. (Josef Brinker)

Ein privater Bauherr errichtete einen kompletten Neubau. In Trägerschaft der St. Dionysiusgemeinde Recke, unter Leitung des Alten- und Pflegeheim St. Benedikt, wird in Halverde heute eine ortsnahe und individualisierte Versorgung angeboten. In 24 Einzelzimmern erhalten alte und hilfsbedürftige Menschen Pflege und Betreuung. Im Obergeschoss werden zwölf Service-Wohneinheiten mit dem Konzept eines betreuten Wohnens vorgehalten.

In der gut vierzigjährigen Geschichte dieses Schwesternhauses spiegelt sich eine grenzenlose Wertschätzung der Halverder für die Arbeit der Ordensschwestern. Diese setzt sich fort in dem beispielhaften Engagement vieler Ehrenamtlicher in der aktuellen Seniorenbetreuung in der neuen Einrichtung.

So ist es selbstverständlich, dass der Marsch der Schützenbrüder, vorne weg die Musikkapelle, seit jeher zum damaligen Schwesterhaus führt. Was seit Jahren fehlt, sind die winkenden Ordensschwestern auf der hohen Treppe, wenn sie den musikalischen Gruß der Schützenbrüder, nicht selten mit einer Flasche guten Zielwassers, erwiderten.
Autor Josef Brinker

1 Westfälische Bibliografie 1945 – 1953, Band 1, , Universitäts- und Landesbibliothek Münster

2 200 Jahre Kirche Halverde, Herausgeber: Kath. Pfarrgemeinde Halverde, 1992

3 Schwester M. Damianis, geb. Ostholthoff lebt im Mutterhaus in Thuine